Auschwitz - Foto: Pixabay

FULDASchwere kulturelle Kost zum 9. November

„Ri-ra-rutsch / wir fahren in der Leichenkutsch“ - Lyrik gegen das Vergessen

10.11.17 - Es war eine sehr, sehr schwere Kost, die das Publikum in der gut gefüllten Kapelle im Vonderau-Museum am Donnerstagabend, also dem 79. Gedenktag der Reichspogromnacht, serviert bekam. Denn die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Fulda hatte zu einem Rezitationsabend mit dem Titel „Lyrik gegen das Vergessen - Texte, Gedichte und Lieder aus Ghettos und Konzentrationslagern (1933-1945)“ geladen.

Irena Ostmeyer von der christlich-jüdischen ...Fotos: Erich Gutberlet

Keine Zeit, kein Ort scheint ungeeigneter zu sein, Gedichte zu schreiben, als die barbarischen Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Doch es gibt sie, die unter die Haut gehenden Texte, verfasst in Auschwitz, Theresienstadt, Buchenwald oder in den verschiedenen Ghettos. Sie legen ein erschütterndes Zeugnis ab von dem Leiden der Menschen. Es ist das Verdienst des Germanisten Michael Moll, sie gesammelt zu haben. Gemeinsam mit der früheren SPD-Europa-Abgeordneten Barbara Weiler hat er das Buch "Lyrik gegen das Vergessen" herausgegeben.

Die Schauspielerin und Sprecherin Ursula Illert (Frankfurt) las ihre zusammengestellte Auswahl der Texte, und Anka Hirsch (Lauterbach) hat dazu eine brüchig-assoziative, klagende Musik komponiert, die sie auf dem Cello spielte. Beide bilden seit vielen Jahren das Duo „Text + Ton“ mit musikalisch-literarischen Programmen unterschiedlichster Art.

Die Kapelle im Vonderau-Museum war ...

Nach Auschwitz galt die Lyrik vielen als verdächtig. Heute weiß man, wie lebenswichtig gerade Gedichte für viele KZ-Häftlinge waren. „Schreiben war ein Mittel, um durchzuhalten“, führte Ursula Illert in den Abend ein. „Und viele Häftlinge dichteten unter Todesgefahr, denn in vielen KZs war das Schreiben verboten. Die Leute vergruben ihre Gedichte, ließen sie rausschmuggeln oder lernten sie auswendig und schrieben sie nach der Befreiung auf.“

Ursula Illert und Anka Hirsch

Wenn denn der Vergleich gestattet ist, dann war der Abend eine Art „Schindlers Liste“ in Reimform. Ebenso intensiv auf jeden Fall, genauso erschütternd - immerhin aber weitaus poetischer. „Geradezu therapeutische Qualitäten besaßen die Gedichte und Lieder, die Ilse Weber in Theresienstadt für ihre kleinen (und großen) Zuhörer verfasste“, hat die Neue Zürcher Zeitung einmal geschrieben. „Auf ihrer ins Lager geschmuggelten Gitarre musizierte sie heimlich halbe Nächte durch. Mit einfachsten ästhetischen Mitteln, einer schlichten Sprache und traditionellen Formen ermöglichte es Weber Kindern, sich zumindest für kurze Zeit über den herrschenden Horror zu erheben, ja ihn regelrecht zu verlachen. ,Ri-ra-rutsch / wir fahren in der Leichenkutsch‘, beginnt etwa Ilse Webers ,Theresienstädter Kinderreim‘.“ - Nach einer Stunde verließ ein sichtlich berührtes und nachdenkliches Publikum den Saal. (mw/pm) +++


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