REGIONDie MITTWOCHS-KOLUMNE

WIELOCH schreibt an (29)…die streikenden Amazon-Mitarbeiter in Bad Hersfeld

ZUR PERSONIn „Wieloch schreibt an“ richtet sich Jochen Wieloch (40) immer mittwochs in einem persönlichen Brief nicht nur an regionale Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Sport oder Kultur, sondern auch an Menschen des Alltags, die in den Tagen zuvor besonders aufgefallen sind und für positive oder negative Schlagzeilen gesorgt haben. Bei der Kolumne handelt es sich um eine Mischung aus Kommentar und Portraitierung, in der Jochen Wieloch mal sachlich, mal emotional lobt, kritisiert und bei Bedarf auch ordentlich Dampf ablässt. Der Petersberger kennt sich in den Medien Print, TV und Internet bestens aus und ist unter anderem als Spezialist für Unterhaltungs-elektronik gefragter Autor für zahlreiche Verlage, Magazine und Fachzeitschriften. Neben dem ZDF, 3sat und dem Bayerischen Rundfunk arbeitete der Germanist unter anderem auch für die Motor Presse in Stuttgart und auto-tv in München.

15.03.17 - Liebe Amazon-Mitarbeiter,

„Unser Ziel: das kundenfreundlichste Unternehmen der Welt zu sein“. Diese selbstbewusste Firmenmaxime ziert jede E-Mail, die man vom Kundendienst Ihres Arbeitgebers erhält. Meine langjährigen Erfahrungen zeigen: Amazon hält Wort, mehr Service geht nicht. Freundlichkeit, Kulanz, Schnelligkeit, Erreichbarkeit – Note 1+. Doch offenbar ist bei Amazon nur der Kunde König. Für Sie als Angestellte gelten vermutlich andere Maßstäbe. Anders ist der seit vier Jahren andauernde Arbeitskampf nicht zu erklären.

Es geht natürlich ums Geld. Sie verlangen eine bessere Bezahlung. Ihre Gewerkschaft Verdi wirft dem Internetriesen zudem vor, Mitarbeiter bei längerer Krankheit unter Druck zu setzen, selbst Toilettengänge zu kontrollieren. Das Betriebsklima, so hört man, ist auf dem Tiefpunkt. Amazon widerspricht diesen Darstellungen. Die Arbeitsplätze sind attraktiv, die Löhne gut, heißt es. Wer hat nun Recht? Fakt ist: Wenn Streiks seit Jahren fast schon zum Tagesgeschäft gehören, kann etwas nicht stimmen. Ein Tarifvertrag sollte in der heutigen Zeit selbst bei einem US-Versandhändler durchsetzbar sein. Sollte!

Denn, liebe Amazon-Mitarbeiter, Ihr Arbeitgeber hat diese Forderung bisher erfolgreich überhört. Überhören können. Und die Chancen, dass sich zu Ihren Gunsten etwas verbessert, sind minimal. Problem: Ihre Arbeitsniederlegungen tun Ihren Kunden nicht weh. Im Gegensatz zu den Streiks im Bahn- oder Flugverkehr bekommen sie die Auswirkungen nicht zu spüren. Amazon hat sich als cleverer Stratege ein flächendeckendes Netzwerk aufgebaut. Gehen in Bad Hersfeld vorübergehend die Lichter aus, springen andere Logistikzentren in Deutschland oder im nahen Ausland in die Bresche. Selbst zu Hochzeiten wie vor Weihnachten verpuffen die mittlerweile zur Tradition gewordenen Arbeitskämpfe ergebnislos: Dann zaubert Amazon ohne mit der Wimper zu zucken tausende neue Arbeitskräfte aus dem Ärmel, die eine pünktliche Lieferung sicherstellen. Service spitze, Paket rechtzeitig da, und Amazon lacht sich ins Fäustchen. Keine medienwirksamen Bilder von verstopften Bahnhöfen und überfüllten Flughäfen mit wütenden Passagieren. Keine mahnenden Zeigefinger der Politik. Und so geht das Spielchen eben immer weiter. Streik, der ist in den Chefetagen bei Amazon längst einkalkuliert wie die massenweise Retoure von Kleidung und Technik.

Nach mittlerweile vier Jahren muss man, ohne hinter die Kulissen des Online-Giganten schauen zu können, wohl resümieren: Verdi und Sie sind gescheitert, zumindest vorerst. Der Auseinandersetzung fehlen Dynamik und neue Impulse. Amazon sieht keinen Grund, sich zu bewegen. Experten befürchten vielmehr, dass der Konzern künftig auf eine stärkere Automatisierung in seinen Logistikzentren setzen könnte. Roboter statt Menschen. Die streiken nicht, die werden nicht krank. Stellen aber sicher, dass morgen an der Haustür das abgeliefert wird, was eben per Mausklick bestellt wurde.

Liebe Streikenden, Ihre Vision ist ein kleines Sätzchen: „Unser Ziel: das mitarbeiterfreundlichste Unternehmen der Welt zu sein.“ Klingt schön. Aber auch schön unrealistisch. Denn wie in vielen anderen Konzernen sind auch bei Amazon die Kunden die Nummer 1. Und leider – falls man Verdi glauben kann – nicht die Angestellten. Abgesehen davon: Für viele ungelernte Arbeitskräfte ist Amazon ein wichtiger Rettungsanker in der Region – ob mit oder ohne Tarifvertrag.

Mit herzlichen Grüßen





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